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In diesen Tagen muss ich oft an Mlle Readon denken. Vor ungefähr einem Jahr war es, dass man Nachrichten davon hörte, dass Mlle Readon gar nicht diejenige war, für die die meisten (und auch ich) sie gehalten hatten. Dass es den Tierarzt, die Frau des Krämers, Kälbchen und die liebe C., und all die anderen skurrilen und liebenswerten und wunderbaren Charaktere, die man ins Herz geschlossen hatte, womöglich gar nicht gab. Ich habe die Geschichten, und auch das Fräulein sehr geliebt. Die manchmal sehr ans Herz gehenden Begebenheiten, die weisen Worte der Protagonisten, die Sprachmelodie der Marie Sophie. Ich habe mitgelitten mit dem Tierarzt, und gehofft, es möge doch Hilfe geben. Als im Blog die Trauer und die Einsamkeit der Mlle nach dem Tod des Tierarztes, zu mir herübergeschlichen kam, habe ich ein Päckchen mit Snickers und einigen anderen schönen Sachen nach Irland geschickt.  Eine Adresse war ja im Impressum vorhanden. In manchen Momenten denke ich: wie naiv ich war. In den sozialen Medien kann doch jeder alles sein. Und alles kann stimmen – aber nichts muss. Mir hatte bis dahin aber einzig die Schilderung der Bergwanderung des schon dem Tod geweihten Tierarztes ein Rätsel aufgegeben.

Eine Antwort, in welcher Form auch immer, kam nie. Aber das musste ja auch nicht sein, schließlich war das Päckchen ja ganz ungefragt und ohne Erwartungen abgesandt worden. Nach den ganzen Enthüllungen war es ja dann auch irgendwie klar, dass da ein Schweigen war. Ich war auch wie vor den Kopf geschlagen, als alles herauskam. Aber ich habe das Fräulein weiter gerne gehabt, ich wollte alles verzeihen. Und ich habe gehofft, dass alles gut weitergeht und dass das Fräulein eines Tages weiterschreibt. Ich glaube, bei mir wäre der Zauber fast genauso stark geblieben, wenn auch ohne Täuschung.

Als die Nachricht vom wahrscheinlich selbstgewählten Tod von Marie Sophie Hingst kam, habe ich tatsächlich getrauert. Um einen Menschen, den ich zwar nie getroffen oder gesprochen habe, der mir aber durch seine Worte und Gedanken ans Herz gewachsen war. Um die vertanen Chancen. Um das Talent. Um ein Herz, in dem doch so viel Liebe und Menschlichkeit vorhanden sein musste, wenn sie doch so geschrieben hat, wie sie geschrieben hat. Um das Herz, in dem wohl ein übermächtiger Wunsch nach Anerkennung und Liebe, in welchem der Wunsch nach einer besseren Welt, aber in dem auch Verzweiflung und tiefe, tiefe Einsamkeit vorhanden waren. Ein zerbrochenens Herz, dessen Wunden doch hätten irgenwann einmal heilen können, oder nicht?

Mlle Readon, oder Marie Sophie Hingst, hatte diese Hoffnung wohl verloren. Zu laut waren die Stimmen, die nun hassten, verhöhnten, sich empörten. Natürlich hatten Empörung und Enttäuschung auch ihre Berechtigung. Gewiss war es nicht richtig, was Marie Sophie Hingst getan hat. Trotzdem verstört es mich, dass es so enden musste. Dass wohl nicht genug Barmherzigkeit und Annahme da waren, damit ein Leben unter echten Vorzeichen weiterhin eine Option gewesen wäre.

Ich hörte von einem Volk, das irgendwo in Afrika oder Papua-Neuguinea, oder irgendwo am Amazonas oder einem ähnlichen Fleckchen dieser Erde… gelebt haben muss. Unerreicht von der westlichen Welt, vom Kapitalismus, von der Leistungsgesellschaft. Ich habe die Geschichte einmal gehört oder gelesen, aber ich finde sie leider nicht mehr∗, daher bleiben die genauen Umstände und die Frage danach, ob es diese Volk und seinen einzigartigen Umgang mit Schuldigen wirklich gab, oder ob wir da einer Legende Glauben schenken müssen, vage. Auf jeden Fall behandelte dieses Volk diejenigen unter ihnen, die schuldig wurden, ganz anders, als man es je gehört hat. Wenn eine Person schuldig wurde, versagt oder andere verletzt hatte, kam der ganze Volksstamm auf dem Dorfplatz zusammen. Und dann holte man die schuldige Person dazu, und nahm sie in die Mitte. Und dann sagte ein jedes Mitglied diese Volkes der Person in der Mitte, wie sehr es sie liebte. Wie sehr es sie schätze, und was sie oder er alles an der Person mochte. Es gab warme Worte der Liebe und Umarmungen und kleine Geschenke. Es fiel kein Wort des Vorwurfs und der Verurteilung. Meistens, so erzählt man sich, berührten die Worte und Taten der Menschen die Person in der Mitte so sehr in ihrem Herzen, dass dieses wieder gesund wurde. Und die Person dann von dem abließ, was sie getan hatte. Sich vielleicht entschuldigte oder den Schaden wiedergutmachte  – aber auf jeden Fall davon abließ und sich auch innerlich wieder in die Mitte und Gemeinschaft ihres Volkes gestellt sah.

Von diesem Umgang mit Schuld können wir lernen. Wir können daran denken, beim nächsten mal. Und wir können es praktizieren, für uns selbst. In unserer Familie, im Freundeskreis, auf der Arbeit, in der Nachbarschaft. Vielleicht auch in Klein-Bloggershausen. Wenn ich sehr getroffen bin, ich kenne mich selbst ganz gut… dann fällt es mir und meinem gekränkten Herzen schwer, nicht zurückzuhauen, nicht zu verurteilen, nicht auszuschließen. Doch ich will mich immer wieder erinnern an dieses Volk, und die reinigende Kraft der Liebe und Wertschätzung. Auch für diejenigen, die mich verletzten.

∗ JoAnna von https://joannaoftheforest.wordpress.com/ hat einen link gefunden, der uns Aufschluss über den Volksstamm gibt. Schaut mal unten in ihrem Kommentar, dann könnt ihr es nachlesen. Danke JoAnna  🙂

18 Gedanken zu “Ein anderer Umgang mit Schuld – Gedanken an Mlle Readon

  1. Hat dies auf ilseluise rebloggt und kommentierte:
    So eine wunderbare Geschichte:

    „Ich hörte von einem Volk, dass irgendwo in Afrika oder Papua-Neuguinea, oder irgendwo am Amazonas oder einem ähnlichen Fleckchen dieser Erde… gelebt haben muss. Unerreicht von der westlichen Welt, vom Kapitalismus, von der Leistungsgesellschaft. Ich habe die Geschichte einmal gehört oder gelesen, aber ich finde sie leider nicht mehr, daher bleiben die genauen Umstände und die Frage danach, ob es diese Volk und seinen einzigartigen Umgang mit Schuldigen wirklich gab, oder ob wir da einer Legende Glauben schenken müssen, vage. Auf jeden Fall behandelte dieses Volk diejenigen unter ihnen, die schuldig wurden, ganz anders, als man es je gehört hat. Wenn eine Person schuldig wurde, versagt oder andere verletzt hatte, kam der ganze Volksstamm auf dem Dorfplatz zusammen. Und dann holte man die schuldige Person dazu, und nahm sie in die Mitte. Und dann sagte ein jedes Mitglied diese Volkes der Person in der Mitte, wie sehr es sie liebte. Wie sehr es sie schätze, und was sie oder er alles an der Person mochte. Es gab warme Worte der Liebe und Umarmungen und kleine Geschenke. Es fiel kein Wort des Vorwurfs und der Verurteilung. Meistens, so erzählt man sich, berührten die Worte und Taten der Menschen die Person in der Mitte so sehr in ihrem Herzen, dass es wieder gesund wurde. Und die Person dann davon abließ, was sie getan hatte. Sich vielleicht entschuldigte oder den Schaden wiedergutmachte – aber auf jeden Fall davon abließ und sich auch innerlich wieder in die Mitte und Gemeinschaft ihres Volkes gestellt sah.“

    Danke

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  2. Was für mitfühlende, berührende, bewegende Worte, liebe Bettina, und wie wichtig dieses Thema in einer Welt, in der Ausgrenzung, Verleumdung, Gewalt, gerade auch seelische, Schuld und Bestrafung durchaus institutionalisiert sind; mich bringt das sofort zur Bergpredigt und der Feindesliebe Jesu (Matthäus 5, Vers 44) und dahin, dass sich Martin Luther King begeistert dazu äußerte, dass er kein intelligenteres Gebot kenne als die Feindesliebe, da nur die Befolgung dieses Gebotes die unselige Spirale von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen und Versöhnung zwischen Feinden bewirken kann. Und so brauchen auch gerade die Menschen, die mit dem Leid und Elend anderer Menschen sogar Geld verdienen und auch noch der Meinung sind, damit im Recht zu sein, ganz besonders viel Zuwendung und LIEBE, um sie zu Einsicht und Umkehr zu bewegen. Um Feindesliebe wahrhaft zu praktizieren bedarf es aber (meiner Erfahrung nach) einer intensiven Anbindung an Jesus Christus, weil der dafür notwendig zu heilende Seelenschmerz so groß ist, dass es einfach nur mit IHM geht. – Mich begleitet seit geraumer Zeit ein Lied von Evie Sturm aus dem Jahr 2005 mit dem Titel: Mit der Kraft deiner Liebe!!! Krass effektiv in traurigen Zeiten und für den eigenen Heilungsweg, finde ich :-). Andrea Adams-Frey singt in einem Lied: ich wünsche nur jedem, den Retter zu kennen, und Gott nicht nur Herr sondern Vater zu nennen…, und Xavier Naidoo: sie ist nicht von dieser Welt, die LIEBE, die mich am Leben hält, ohne dich wär´ es schlecht um mich bestellt… – Mit Liebe und Wertschätzung nur so um uns werfen und sie üppig verteilen, denn es gibt keinen Zeitpunkt, der unangemessen dafür wäre, aber es gibt zahlreiche Situationen, wo wir durch Liebe, Wertschätzung, Anerkennung und wohlwollenden Zuspruch Leid lindern und können. Die Macht der LIEBE unter striktem Gewaltverzicht ist lebens- und gesellschaftsverändernd. Meine Mama hat übrigens auch den Freitod gewählt, wobei es bei Marie Sophie Hingst ja nicht klar festgestellt/publiziert/kommuniziert worden ist. Und bei meiner Mama ist es, auch anders als bei Mlle ReadOn, mittlerweile schon 27 Jahre her, und dennoch kann ich ihren damaligen Abschiedsbrief heute noch wörtlich wiedergeben, obwohl ich den schon lange nicht mehr habe. – Jede/r Mensch ist wertvoll, und niemand kann jemals genug Liebe bekommen :-)!!!

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  3. Danke, liebe Marlies, für deine weisen Zeilen. An ML King musste ich beim Schreiben auch denken. Ich hatte seine Gedanken und sein Leben hier https://rausausderaffenfalle.com/2018/01/15/danke-martin-luther-king/ auch schonmal in diesem Zusammenhang erwähnt 🙂 Und auch heute, in diesen Tagen, wo manche vielleicht etwas Falsches sagen/denken oder gar tun, können wir doch nur den Stachel des Bösen herausziehen, wenn wir mit Liebe reagieren. Aber je näher es an einem selbst dran ist, je mehr es Wunden trifft, die noch offen sind, desto schwerer ist es, aus der Verletzung heraus nicht zu hassen oder zurückzuschlagen, sondern mit Liebe zu reagieren. Ich habe da noch viel zu lernen, bzw. es mir von Jesus schenken zu lassen. Das kann ich mir vorstellen, dass der Freitod einer Mutter das eigene Leben für immer prägt und verändert. Ich wünsche dir da immer wieder Trost und Halt. Das ist so gut, dass du auch Jesus hast, und ich bewundere es sehr, wie du seine Nähe suchst und wie sehr er dich verändert und aus dir herausstrahlt. Ganz liebe Grüße, liebe Marlies

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  4. Danke, liebe Bettina, für deine Worte und den Hinweis auf deinen Blog-Beitrag über MLK von 2018; es sind da gleich zwei Dinge, die mich regelrecht anspringen: -): einmal, dass Täter auch Opfer sind, und ich gehe da noch weiter: auch als Opfer sind wir Täter, zumindest in unserem Erwachsenendasein, weil alles miteinander verflochten ist; was Kindern angetan wird mal davon ausgenommen, denn Kinder können sich nicht wehren und werden dann oftmals gerade deswegen auch zu erwachsenen Tätern, weil sie es so gelernt haben und oftmals nichts anderes kennen (z. B. der von dir erwähnte emotionale Ausbruch eines „Gorillas“) , umso wichtiger ist es, dass solche Menschen durch andere die Chance erhalten, zu erkennen, dass auch sie von Gott geliebte Menschen sind; einen großartigen Dienst leistet ihr da, und ich bete voller Inbrunst dafür!!! Es ist so wichtig, dass wir uns immer wieder darin üben, uns auf Augenhöhe zu begegnen und Abscheu und Unverständnis überwinden, wobei ich bei Punkt zwei bin, der mich angesprungen hat: den Menschen hinter dem Bösen (dem Hass) zu sehen. Und bei dem Weiterentwickeln meines eigenen Nachfolgeweges gibt es in diesem Sinne und Zusammenhang zwei Bibelstellen, die mir persönlich immer helfen, wenn es in meinem Herzen eng zu werden droht: einmal ist es Matthäus 7 Vers 3: Warum regst du dich über den Splitter im Auge deines Nächsten auf, wenn du selbst einen Balken im Auge hast? Inklusive der Überschrift des 7. Kapitels: Verurteilt niemanden! – Und die zweite Bibelstelle ist Johannes 8 Vers 7: Wer von euch frei ist von Schuld, werfe den ersten Stein. Wobei wir wieder bei dem Thema deines aktuellen Blog-Beitrags angekommen sind :-). – Ich bin so dankbar, dass ich zum Glauben und zur Nachfolge in Christus gekommen bin und wünsche dir und deiner Familie von ganzem Herzen im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ein segensreiches Pfingstfest in der allumfassenden, bedingungslosen LIEBE GOTTES!!!

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    1. Ja – Täter- und Opfer sein ist oft miteinander verquickt. Wobei manche Opfer ja eher in den Rückzug gehen und die Aggression gegen sich selbst wenden, als sie weiterzugeben. Das ist wohl individuell sehr unterschiedlich. – Ich merke, dass ich mir den liebevollen und vergebenden Blick zur Zeit in jedem Fall immer neu erarbeiten muss. Und würde mich freuen, wenn ich irgendwann einmal so eine ganz vergebende Grundhaltung haben könnte, wie Jesus sie hatte. Oder auch Stephanus – da wirds dann ja menschlich gesehen schon erreichbarer. Andererseits kann man aus den Paulusbriefen herauslesen, wie sehr Paulus mit den Verletzungen zu kämpfen hatte, die z.B. die Korinther ihm angetan hatten – und dass er damit zwar zusammen mit Jesus umgeht – aber dennoch nicht darüber hinweg ist (meine ich jedenfalls herauslesen zu können). Es bleibt also eine Aufgabe… 🙂 Marlies, dir heute einen wunderbaren Tag, mit vielen Begegnungen mit dem ruach.

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  5. Das ist ja ein wunderbarer Eintrag! Wasser auf meine seelischen Mühlen. Ich bin gerade mit dem Thema befasst: Wie kann ich in meinen Mitmenschen das Gute erkennen und begrüßen, ohne Schwieriges zu verdrängen. Ich will authentisch sein. Deshalb: Herzlichen Dank und Gottes Segen hinauf in den Norden, aus dem Donautal grüßt die Gärtnerin mit dem gruenen Daumen

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  6. ein hübsches anderthalbhörniges Rindvieh hast du da.
    Für die Mlle Readon (was ist das bloß für ein Vorname, dachte ich, walisisch?) musste ich erst mal guggeln. Davon hatte ich nix mitgekriegt. Dann musste ich noch mal guggeln für Frau Hingst. Immerhin, von Herrn Relotius hatte ich gehört. So richtig vernetzt bin ich nicht, wobei — Mai 2019 war ich psychisch hingestreckt. Da hab ich ohnehin nicht viel mitbekommen.

    Also, die Geschichte mit den Ureinwohnern (das trifft es ja jedenfalls, egal wo sie nun leben oder lebten) ist herzerwärmend. Und dem Wortsinn entsprechend. Nehmen meine Gruppe und ich eine „verunfallte“ Person in unsere Mitte, kann sie sich wieder als Teil der Gruppe fühlen.
    danke dafür.

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      1. „auf ne Brause in den Vorgarten“
        Hallo liebe Bettina!
        Was hältst du davon einen Beitrag für den Vorgartenblog zu schreiben?
        Thema, Länge, Zeitraum* überlasse ich ganz dir, lass es locker herausperlen, wenn es soweit ist.
        Das würde mich freuen!
        Herzliche Grüße aus dem Bergischen Land,
        Julia

        (*=Ehrlich, ob Oktober oder Ostern ist mir wurscht!)

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      2. Gerne – vor allem, da das so flexibel ist 🙂 Vielleicht würde es aber helfen, wenn du einen kleinen Wunsch, in welche Richtung es ungefähr gehen soll, äußern würdest 🙂 Viele liebe Grüße! Bettina

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