Von 2010 bis 2020 war ich im Rotlicht unterwegs. In Wuppertal gründete ich zusammen mit einer Freundin eine Gruppe, die ehrenamtlich und aufsuchend dort tätig war. Später gründete ich nocheinmal eine solche Gruppe in Flensburg. Wir suchten die Frauen, die in der Prostitution tätig waren, in den Bordellen, in den Wohnungsbordellen (normale Mietwohnungen, in denen die Frauen – oft allein oder zu zweit- tätig waren) und auch in manchen Karaoke Thai Bars und Hinterzimmern in Spielhallen und Kiosken auf. Wir begegneten Frauen, die angaben, diese Arbeit freiwillig zu tun – oftmals waren dies deutsche Frauen und oft steckten typische Loverboygeschichten dahinter. Eine deutsche Frau erzählte Teamern sehr ausführlich von ihrer Kindheit in rituellen Kreisen, und wie sie schon von klein auf in die Prostitution hineinprogrammiert worden war. Wir trafen viele osteuropäische Frauen, die typische Opfer von Menschenhandel waren. Im Eintrag „Bordell Deutschland – Mias Geschichte“ berichte ich von einer solchen Frau, der wir helfen konnten, aus dem Milieu herauszukommen. Wir trafen viele Frauen aus Benin, die sehr gerne mit uns sprachen, aber niemals, niemals über ihre Geschichte – und die auch niemals unsere Hilfe angenommen hätten – zu tief war die Angst vor der Wirkung des Juju-Kults (Voodoo), dessen Flüche sich gegen die richteten, die reden – und auch gegen die, die helfen. Mehr darüber hier und dort. Einmal fanden wir eine Romni in einem leerstehenden vierstöckigen Gebäude an, die dort von ihrem Cousin und dessen Freund an Männer verkauft wurde. Ich habe zuviel gehört und gesehen und erlebt, um an das Märchen von der emazipierten Sexarbeiterin zu glauben. Als ich vor ca. zwei Jahren diese ehrenamtliche Arbeit beendet habe, habe ich innerlich tief aufgetamet. Obwohl die Frauen mir am Herzen liegen, obwohl wir sehr herzliche und gute Begegnungen mit vielen Frauen hatten, obwohl wir einigen wenigen helfen und einigen mehr wenigstens etwas menschliche Wärme und Aufmerksamkeit bringen konnten, bin ich erleichtert, die Atmosphäre in den Bordellen und Wohnungen nicht mehr spüren zu müssen. Ich erlebte es als eine Atmosphäre des Grauens. Und mir ist bewusst, wie wenig ich von diesem Grauen berührt wurde, und wie intensiv und andauernd die Frauen in der Prostitution dieses Grauen ständig und zumeist ohne Pause erleben. Wenn ich daran denke, könnte ich schreien vor Verzweiflung und Wut. Und dann wieder resigniere ich, weil so viel geredet, geschrieben, gearbeitet wird, um diesem Grauen ein Ende zu setzen – und sich gleichzeitig so wenig verändert. Wie kann dies sein, in einem jüdisch-christlich, in einem humanistisch geprägten Deutschland? Was ist so stark, dass es diese Prägungen und jedes vernünftige und empathische Nachdenken über das Thema Prostitution übertüncht, so dass die Meinung, es gäbe freiwillige, möglicherweise sogar emanzipierte Sexarbeit, in unserem Land so oft (auch öffentlich) vertreten wird?

Mittlerweile habe ich nicht mehr aufsuchend mit diesem Bereich zu tun. Doch in meiner Seelsorgearbeit mit Menschen, die einen Hintergrund von rituellem Missbrauch haben, begegnet es mir immer wieder. In geschützterem Rahmen – und doch mit voller Wucht. Denn meistens haben diese Menschen von klein als Opfer von Prostitution und Pornographie dieses Grauen, und auch noch mehr Grauen, erlebt. Und ich musste erkennen, wie sehr auch Kinderhandel und ritueller Missbrauch mit dem Thema Prostitution verwoben sind. Und dass manch „selbstbestimmte“ Frau im Rotlicht ebenjene Biographie mit sich bringt.

Eigentlich wollte ich gar nicht mehr viel zu diesem Thema in meinem blog schreiben. Doch es packt mich immer wieder – jenes Grauen, das ich nur passiv mitbekomme, meine Gespächspartner-Innen aber live erlebt haben. Und das so viele Frauen in Deutschland betrifft. Es darf nicht geschwiegen werden. Es muss immer wieder genannt werden. Und so schreibe auch ich wieder einmal darüber. Und ich hoffe, dass es gelesen wird. Dass mitgefühlt wird. Dass darüber geredet wird. Und dass gehandelt wird.

Dieses Interview mit Huschke Mau, dieser Trailer zu ihrem Buch, hat mich sehr bewegt. Huschke Mau war selbst in der Prostitution und hat den Ausstieg geschafft. Sie engagiert sich für die Abschaffung der Prostitution und hat ein Buch über das Thema geschrieben mit ebenjenem Titel: „Entmenschlicht: Warum wir Prostitution abschaffen müssen“ Es erscheint im März und ich werde es mir kaufen und mich zwingen, es zu lesen. Schon der Trailer verrät so viel über diese Welt des Grauens. Und ich hoffe, es werden dadurch viele Menschen bewegt, etwas gegen Prostitution in unserem Land zu unternehmen.

5 Gedanken zu “Entmenschlicht – Warum wir Prostitution abschaffen müssen – Huschke Mau (und mein persönlicher kleiner Einblick ins Rotlichtmilieu)

  1. Danke für den Artikel! Ich bin immer froh,wenn ich merke, dass ich mit meinen Gefühlen von Wut, Trauer und Resignation beim Thema Prostitution nicht allein bin. Das Wort „Grauen“ passt leider sehr gut.. Wir müssen solidarisch sein mit Frauen in der Prostitution und für das Nordische Modell eintreten!

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